Filetknüpfen was ist das? Alte Handarbeit neu entdeckt!

3. 11. 2014 Blogs von beasallerlei

Filetknüpfen, Filochieren, Filieren, Netzen, Netzknüpfen

Diese schöne alte Handarbeit hat viele Namen.

Ist aber nicht zu verwechseln mit dem Filethäkeln!

Geschichte, Herkunft, Verwendung:

Woher stammt diese Handarbeit?

Diese Handarbeitstechnik lässt sich im mitteleuropäischen Raum bereits im jüngeren Neolithikum nachweisen (beispielsweise bei den Pfahlbaufunden vom Bodensee), zu dieser Zeit hauptsächlich zur Herstellung von Transportnetzen und Fischernetzen. Es ist also die Technik, mit der man früher Fischernetze hergestellt hat. Daher kommt diese Handarbeit ursprünglich aus Regionen, die vom Fischfang lebten.

Man vermutet, dass die Fischersfrauen diese Handarbeit weiterentwickelt haben um Schmuckgegenstände herzustellen.

Die häufigsten Anwendungen:

  • Schultertücher (Fichu) und Handschuhe (Trachten)
  • Decken und Deckchen (als Grund zum besticken)
  • Haarnetze (Mittelalter)
  • Vorhänge (meistens Bestickt)
  • Einkaufs- und Ballnetze
  • Fischer- und Sicherungsnetze (heute meist maschinell)

In welchen Regionen ist diese Handarbeitstechnik noch am ehesten bekannt?

  • Graubünden: Vorhänge gestickt
  • Deutschland und Osteuropa: Decken und Deckchen, Vorhänge.

In folgenden Regionen der Schweiz wird filochiertes Trachtenzubehör getragen:

  • Trachten-Fichu und Handschuhe: Luzern, Bern, St. Gallen, Glarus, Aargau, Solothurn
  • Trachten-Fichu: Zürich, Appenzell, Schaffhausen, Basel-Land
  • Trachten-Handschuhe oder Armstulpen: Schwyz, Zug, Freiburg/Fribourg, Genf, Wallis, Graubünden, Nidwalden

All diese Arbeiten werden aus feinem Baumwoll- oder Seidengarn gefertigt.

Das Trachtenzubehör ist so fein gearbeitet, das sogar von Trägerinnen angenommen wird, es sei geklöppelt.

Meine Produkte:

Ich selber habe mich aufs knüpfen mit Wolle oder dickerem Garn spezialisiert ab und zu verwende ich auch Seide. Am liebsten produziere ich Loops. Vorzugsweise mit Garn, Wolle im Farbverlauf, ab und zu gibt's auch einen in uni.....

Hier einiges aus meiner Winter Kollektion

Diese und mehr Exklusive Accessoires, die nicht jeder trägt, findest du in meinem ansalia-Shop oder an meinem Marktstand an kleineren Märkten im Kanton Zürich .(Daten findest du unter Aktuell in meinem Shop)

http://ansalia.ch/produzent/beasallerlei

Mein Zeitaufwand und Preise:

Hier möchte ich euch den Zeitaufwand und die Preiskalkulation für meine Loop's angeben:

Keinen meiner Loops entstand unter 12 h reiner Arbeitszeit! Am längsten arbeitete ich über 48h an einem Loop.

Die Preise errechne ich aus Material-Preis und Knopfzahl.  Günstiges Material oder geringe Knopfzahl günstigerer Preis, grössere Knopfzahl  oder teureres Material ergibt halt mal einen höheren Preis.

So ergibt sich, meiner Meinung nach, einen sehr fairen und immer noch zahlbaren Verkaufspreis, für ein Produkt aus Schweizer Handarbeit!


Für alle die sich intensiver mit Filetknüpfen Beschäftigen möchten. Hier den Beschrieb und wo man es erlernen könnte:

Beschrieb Grundtechnik Knopf:

Bevor man überhaupt beginnen kann, muss man das Garn, ähnlich wie bei einem Weberschiffchen, auf die Nadel aufziehen. Zu beachten ist, dass nicht zu viel Garn aufgenommen wird, da man sonst die Nadel nur schwer durch die einzelnen Schlingen (Schlingengrösse = 2x Stäbchenbreite oder Nadeldurchmesser) ziehen kann.

Es wird eine Hilfsschlinge (muss nicht gleicher Faden sein, wird wieder entfernt) benötigt. Beim Rundfilet arbeitet man mit einer Schlaufe mit gleichem Arbeitsfaden, die später festgezogen wird (bleibt in der Arbeit).

Die Hilfsschlinge wird zur Fixierung an einem Kissen (schweres Nähkissen) festgesteckt. An diese Hilfsschlinge wird der Arbeitsfaden geknotet.

  1. 1

Abstands-Stäbchen oder -Nadel liegt parallel zum Zeigefinger in der linken Hand und wird mit dem Daumen gehalten.

Zur Bildung des Knotens wird der Faden von vorn nach hinten um Nadel/Stäbchen, Zeige-und Mittelfinger weiter auf der Handhinterseite zwischen Mittel- und Zeigefinger, hinter Nadel und vor Zeigefinger hindurch zur Schlinge gelegt und anschließend mit dem Daumen (gemeinsam mit dem Stäbchen) gehalten.

Nun wird der Faden, weiter in einer grossen Schlaufe (über der Arbeit) um die ganze Hand gelegt. Mit der Nadel zwischen den Fäden der Mittelfingerschlinge hindurch, die Schlinge der letzten Runde (in erster Runde die Hilfsschlaufe) aufnehmen und durchziehen. Die große Schlaufe wird mit dem kleinen Finger gehalten.

Jetzt wird die Daumenschlinge losgelassen und der Faden vorsichtig angezogen. Die Schlinge um Zeige- und Mittelfinger zieht sich straff. Diese Schlinge wird als nächstes losgelassen und so lange vorsichtig gezogen, bis der Knoten dicht an Stab oder Nadel liegt (mit Daumen am richtigen Ort fixieren). Nun wird noch die letzte Schlinge um den kleinen Finger gelöst und der Knoten festgezogen.

Ich weiß – es klingt kompliziert! Es ist auch eine sehr zeitintensive Handarbeit!

Ich empfehle Anfängern, einen Kurs zu besuchen (siehe unten).

Varianten:

Es gibt drei verschiede Filetknüpfarten: Rundfilet, Schräg- und Gradfilet.

  • Beim Rund- und Schrägfilet steht das Quadrat immer auf dem Spitz. Muster werden durch unterschiedliche dicken der Nadel/Stäbchen erzeugt, durch dazu oder zusammen knüpfen und Schlaufen legen erzielt.
    1. 1

  • Das Geradefilet, steht immer auf einer Seite, es wird für Tischdecken, Deckchen und Vorhänge als Grundlage fürs sticken verwendet. bei dieser Variante werden in einem 2. Arbeitsgang die Löcher mit Stichen ausgestickt oder ausgestopft.

Material:

  1. 1

  • Filetnadel (sie ist an beiden Enden mit einer Art offenen Öse versehen, darunter ist ein Loch zum Fixieren des Fadens)
  • Abstandstäbchen oder Spielstricknadeln in verschiedenen dicken oder breiten.
  • Sticknadel lang (nur zum sticken).
  • Grundausstattungs-Set gibt es von Prym (Filet-Set Art. 611750). Das Set besteht aus 3 Stäbchen 10mm, 8mm, 6mm, 2 versch. lange Nadeln und einer langen Sticknadel
  • Häckel- oder Perlgarn

Ich selber arbeite gerne mit Wolle bzw. Bändeli- oder Effektgarnen (bin hier aber fast die einzige, da die Nadeln dazu nicht gekauft werden können).

Schriftliche Anleitung, Kurse:

  • Grundbeschrieb des Knopfes ist auf jeder Filet-Set Packung aufgezeichnet.

Schriftliche Anleitungen findet man in folgenden Heften (alle vergriffen):

  • Filetknüpfen Lang Nr.86 (1980)
  • Filieren Meyers Handarbeitsheft Nr.30 (1954)
  • Handarbeitsheft Anna von Burda (Nr.4 April 1987) Rundfilet Lehrgang
  • Handarbeitsheft Anna von Burda (Nr.3 März 1988) Rundfilet Deckchen Anleitung
  • Handarbeitsheft Anna von Burda (Nr.3 März 1989) Filetstickerei

In folgenden Zeitschriften gibt es laut Internet auch Beschriebe:

  • Textiles Gestalten international. Zeitschrift (September 1999)
  • Handarbeit Zeitschrift DDR Verlag für die Frau, Herbst (3/1989)

Buch:

  • Illustrierte historische Handarbeitstechniken, Reprint Verlag Leipzig (ISBN 978-3-8262-0413-5), Reprint Auflage der Originalausgabe von 1920 (alte Schrift). Beschrieb von vielen Stickstichen und Filetmustern.


    Auch im Internet findet man einige Anleitungen. Hefte findet man ab und zu im Brockenhaus oder Internet.

Für Anfänger empfehle ich einen Kurs zu besuchen. Ich hätte es aus den Hefte nie erlernt!

Man kommt am Anfang nur sehr langsam voran. Fehler schleichen sich öfters ein. Um diese zu verhindern, ist es wichtig, dass man weiss wo sie entstehen (dies ist aber nirgends beschrieben). Die Knöpfe können nur sehr schlecht geöffnet werden! Daher viel üben bis der Knopf richtig sitzt, erst dann mit einer grossen Arbeit beginnen.

Kurse:

  • Filet-Knüpfen und Sticken, Ferienkurs im Walserhuus in Sertig bei Davos, Beatrice Herger Kurse (jährlich im Juni) www.kurs-ferien.ch (diesen empfehle ich)
  • Brauchtumswoche der Schweizerischen Trachtenvereinigung in Fiesch (alle 3 Jahre im Herbst) www.brauchtumswoche.ch (da hab ich es gelernt)
  • ab und zu auch Ballenberg, www.ballenbergkurse.ch

Andere sind mir nicht bekannt.

Vielleicht findet Ihr jemanden in eurer Umgebung, der diese Handarbeitstechnik noch kann und Euch hilft, erfahrungsgemäss eher ältere Personen, die Bezug zu Trachten haben. Vielleicht können die Kantonalen oder örtlichen Trachtenvereinigungen weiter helfen.

Bei einer Umfrage in meinem Bekanntenkreis musste ich leider folgende Entwicklung feststellen:

  • Über 80 jährige Frauen haben diese Technik noch im Handarbeitsunterricht der Oberstufe erlernt!
  • Die zwischen 50 und 60 Jährigen Handarbeitslehrerinnen haben in ihrer Ausbildung die Grundtechnik noch praktisch oder in der Theorie erlernt.
  • Die unter 40 Jährigen Handarbeitslehrerinnen kennen diese Handarbeitstechnik nicht mehr!

Ich hoffe, dass diese alte Handarbeitstechnik durch diese (für mich erschreckende) Entwicklung nicht ganz verloren geht!


Kommentare
beasallerlei29. 11. 2014
23:33
beasallerlei

Diese Technik wird an der Winti-Mäss auch vorgestellt! 30.11. 10-19 Uhr

beasallerlei11. 11. 2014
23:16
beasallerlei

Bitte Bitte! Hab ich doch gerne gemacht:-))

NatureInYourHands6. 11. 2014
08:18
NatureInYourHands

Toller Bericht und wunderschöne Produkte!

puenktliundanton6. 11. 2014
07:37
puenktliundanton

super herzlichen Dank für diesen tollen und ausführlichen Beitrag! isch jo mega spannend!!!! Liäbgrüäss saskia

maladudesign3. 11. 2014
17:44
maladudesign

Danke für den tollen Beitrag. Es ist wirklich sehr schade, wenn solch tolle Handarbeitstechniken vom aussterben bedroht sind. Du machst das grossartig, liebe Bea! Und deine Schals sind wunderschön! Hätte ich Zeit, würde ich das bestimmt ausprobieren. Wer weiss, wenn dann mal alle Kids zur Schule gehen... Dann komme ich dann drauf zurück! Bis dorthin konzentriere ich mich aufs Nähen, was wirklich auch ein tolles Lebenselixier ist.

beasallerlei3. 11. 2014
16:57
beasallerlei

Oh da ist die Zeit verschwunden!!!!!! sind bei mir die grauen Herren eingetroffen und stehlen mir die Zeit?;-))) Hoffe nicht !!!!!!!!

beasallerlei3. 11. 2014
16:54
beasallerlei

Danke für den Kommentar: Ja die Frivolité-Technik würde mich auch reizen! Macht auch fast niemand mehr! Leider liegt dass bei schon 2 zeitintensiven Hobbys nicht mehr drin.... Das mit der echten Handarbeit hatten wir ja auch schon Diskutiert... Wenn ich beim Handarbeiten dann mal Fernsehe fühle ich mich als Exot in unserem Land alle reden nur noch von Frauen sollten Arbeiten gehen ja natürlich ausser Haus! und Darum Sterben unsere Traditionellen Handarbeiten aus...... Weil niemand mehr hat! Manchmal denke ich an meine Jugend zurück als ich MOMO gelesen habe....Die Grauen Herren sind doch unsere Politiker! wo ist MOMO!!!!

strickARTspitze3. 11. 2014
16:27
strickARTspitze

Danke beasallerlei! Dieser ausführliche Bericht übers Filetknüpfen ist sehr interessant! Deine Loops sehen auch sehr dekorativ aus! Meine Schals & Loops sind bis jetzt gestrickt, vielleicht häkle ich mal ein Set. Mich persönlich würde die Occhi oder Frivolité-Technik reizen. Ich habe es aber noch nie probiert. Makramee habe ich noch in der Schule gelernt. Die jüngsten Jahrgänge lernen in der Schule leider nicht mal mehr die einfacheren Grundmaschen fürs Stricken oder Häkeln richtig. Es gibt neuerdings überall Rahmen, um das Stricken zu vereinfachen, für Loops, Schals und Mützen, etc. Für mich ist Stricken nur echte Handarbeit, wenn sie in alter Manier und Tradition mit Stricknadeln ausgeführt wird. All die genannten Handarbeiten sind sehr zeitintensive Techniken. Wenn man dann das Schlussresultat in den Händen hält, erfüllt einen das mit Stolz und man ist zufrieden ein schönes individuelles Produkt für die Kundschaft oder eine/n Freund/in kreiert zu haben. Ich wünsche allen ProduzentInnen hier weiterhin viel Spass bei ihrer Leidenschaft! :-)

Nur angemeldete Anwender können einen Kommentar schreiben.